Ist SEO tot?Unter SEO verstehen die meisten: On-Site und Off-Site. Ergo: Erstmal die richtigen Keywords mit der richtigen „Dichte“ auf der richtigen Seite platzieren, dann knackig-spammige Title- und Meta-Tags schreiben lassen und ordentlich Backlinks von semi-relevanten, „starken“ Seiten sammeln – et voila… happy Ranking!

Diese Saga hat sich mittlerweile sogar bis in die Führungsetagen der meisten mittelständischen Unternehmen herumgesprochen. In Zeiten von explodierenden Klickpreisen bei AdWords und Facebook Anzeigen, ist SEO längst eine schicke Alternative im Online Marketing Mix. Der Traffic ist ja so gut* wie gratis – Sky is the limit!

*Abgesehen von einem kleinen Groschengeld für „Inhouse-SEO-Experten“ ,einer Armada von Hobby- Bloggern, „nachhaltigen“ Linkhändlern und fleißigen Schreiberlingen.

Allerdings wissen die meisten dieser Entscheidungsträger (und leider auch einige „SEO-Experten“) nicht, wie sehr sich SEO in den letzen, sagen wir mal 3 Jahren, verändert hat. Da Suchmaschinen Traffic zu einem nicht ganz zu vernachlässigbarem Teil aus Google Traffic besteht, reicht eigentlich eine Übersicht der Google Updates der letzten Jahre, um das Ausmaß zu verdeutlichen:

  • Vince Update (2009) und Brand Update (2010): Bevorzugung von „Marken“ im Ranking
  • Caffeine und Real Time Search (beide 2009): Deutlich schnellere Indexierung von Inhalten.
  • Local Search, Places, Venice (2008-2012): Immer stärkere Integration von lokalen Suchergebnissen sowie lokale Personalisierung
  • MayDay Update (2010): Abstrafung von Seiten, die über inhaltsarme Long-Tail Traffic abgreifen – Vorbote von Panda
  • Google Instant & Instant Previews (2010): Eine Live Vorschau der Suchergebnisse beim eintippen des Suchbegriffes, sowie visuelle Vorschau von Webseiten
  • Social Signals (ab 2010): Berücksichtigung von sozialen Interaktionen (Likes, Shares, Tweets etc.)
  • Google+ (2011): Google startet sein eigenes Soziales Netzwerk, dazu verstärke Personalisierung und größerer Zugriff auf Social Signals. Einführung des „+1“ Buttons auf Webseiten.
  • Panda (2011): Bestrafung von Content Farmen und Spamdexing (Spam+Indexing).
  • Schema.org, Rich-Snippets und Author-Markup (ab 2011): Auslesen von strukturierten Daten (Markup) und Integration in die Suchergebnissen (Sterne, Bilder, Flugdaten, Events etc.). Zuordung von Inhalten zu bestimmten Autoren (Bewertung der Autoren über „Author Rank).
  • Freshness Update (2011): Stärkere Berücksichtigung von aktuellen Inhalten bei bestimmten Suchanfragen.
  • Panda Update (2012): Abstrafung von Seiten mit „verdächtigem Linkprofil“ (Massive Verlinkung von „Money Keywords“) und Überoptimierung.
  • Chrome, Android, Analytics, Youtube, Drive, Docs, Mail, Maps…: Die Liste ist lang und die Liste wird dauerhaft erweitert. Google hat durch seine Services besonders durch Chrome und Android nahezu nahtlosen Zugriff auf Nutzerdaten. Diese Daten ermöglichen eine multidimensionale Analyse von Webinhalten.

Für einen SEO bedeuteten diese Änderungen kontinuierliche Anpassung. Eine gezielte Manipulation mit den bewährten Methoden wird immer schwerer. Die Nachfrage nach SEO-Dienstleitungen und Software sowie das Bewusstsein für den Wert von Links und „gesponserten Posts“ lässt SEO teurer werden.

Jeder SEO (egal ob Guru oder Trainee), sollte spätestens seit dem Penguin Update realisiert haben, dass der jetzige Pfad notwendigerweise in den Abgrund führt. Es reicht heute einfach nicht mehr eine Webseite mit Keywords vollzustopfen, zu optimieren und den Prozess bis zum letzten Longtail Keyword zu wiederholen (Textbroker und Konsorten ole!).

Links sind zwar immer noch SEO Währung Nummer eins – bei vielen SEOs, die zu massiv in diese Währung investiert hatten löste Penguin allerdings erste „Black-Friday“ Gefühle aus. Und das ist – dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen – sicherlich nicht der letzte Schuss.

Heute wurden erste Gerüchte um eine eigenes Kommentar-System von Google laut. Was sich zwischen den ganzen Diensten und Änderungen zunächst harmlos anhört könnte tatsächlich den Todestoß für SEO (as we know it…) bedeuten.

Seit Jahren ist Google auf der Suche nach einem Mittel gegen Spam auf Webseiten mit Kommentarfunktion. Mitunter führte das zur Einführung des NoFollow Attributs.  Eine Einführen eines eigenen Kommtarsystems – zunächst für alle Google Services und später auch auf Webseiten – bedeutet endlich verlässlichen Zugriff auf diese Daten. In Verbindung mit Google+ und Rel=Author könnten Kommentare ein sehr verlässliches Signal darstellen und Links als Rankingkriterium Nr.1 ggf. sogar ablösen.

Bedeutet das, SEO ist überflüssig? Sollten wir uns alle einen neuen Job suchen und das sinkende Schiff rechtzeitig verlassen? Ein klares Nein!

ABER:  Es muss ich einiges ändern! Richtige SEOs sind kein paranoider Haufen, der sich hinter 3 Monitoren mit Excel Tabellen und Sistrix Graphen versteckt. Auch die ganze Debatte über Negativ SEO – sprich der Konkurrenz gezielt Schaden zufügen – schadet unserer Brache. Abgesehen davon, ob ich wüsste wie ich einen Konkurrenten abschieße (äähm ja, ich hätte da Ideen+Möglichkeiten) würde es mir nie in den Sinn kommen. Konkurrenz belebt das Geschäft aber SEOs müssen wieder zusammenzuarbeiten statt darüber nachzudenken, wen man verpetzen und wem man Schaden zufügen kann.

Auch die ständige Diskussion bezüglich White-, Black-, Grey- oder Crap-Hat-SEO muss aufhören. Wenn es für den modernen White-Hat-Prediger ethisch ist für Texter für 0,01€ pro Wort anzustellen und für zigtausende Euros Links zu kaufen, was ist dann unethisch?

Dabei können beide Seiten voneinander lernen. Jeder SEO kann sich etwas von der unendlichen Kreativität, Anpassungsfähigkeit und der Leidenschaft der Black Hat Szene abschauen. Um die Ecke denken und eine Lücke im System zu finden – darum geht es! Im Gegenzug (und da wird der Penguin sein Bestes getan haben) müssen Verfechter der dunklen Seite neue, nachhaltige Strategien entwickeln und sich auf Qualität zu konzentrieren. Linkwheels, Blognetzwerke mit Spin-Texten, Blogkommentare und Signaturen-Links funktionieren 2012 nur noch sehr bedingt.

Ein moderner SEO muss ein Online-Marketing-Superman sein! Man muss nicht nur großartige Inhalte erschaffen, man muss diese vermarkten und für Suchmaschinen optimal zugänglich machen. Man ist Techniker, Manager, Analyst, Marketing Verantwortlicher und Social Media Beauftragter in einer Person. Ein moderner SEO kopiert nicht, er versucht der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Das geht nur mit absoluter Leidenschaft und dem ständigen Bedürfnis sich fortzubilden und weiterzuentwickeln. Dazu sollte es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein eigene Projekte zu betreiben, an denen man neue Ideen (und auch Schwachsinn) testen kann. Und das wichtigste: Man sollte das Ganze auch mit letzter Konsequenz umzusetzen können!

Es liegt an uns – der gesamten SEOs Szene dieses neue Selbstverständnis durchzusetzen. Es muss sich auch bis in die AdWords fixierten Führungsebenen durchsprechen, dass SEO zwar ein skalierbarer Kanal ist, aber (leider?) nicht nach Schema-F funktioniert. Dazu muss SEO ein fixer Bestandteil der Marketing Strategie werden. Nur integrierte SEO, bei der alle Kanäle von Social Media über Redaktion bis hin zum Produktmarketing an einem Strang ziehen, hat realistische Zukunftschancen.

Ich bin gespannt auf Kommentare von anderen SEOs. Seht ihr das genau so drastisch wie ich? Zieht ihr vielleicht andere Schlüsse? Let me know!